Interview – MICA – Music Austria, 2019

Mathias Weiss (c) Edvard Paul Orell
„In Clubs stehen oft veraltete oder sehr bassschwache Anlagen, die vor allem Mitten und Höhen laut reproduzieren können, zu spüren ist aber meist wenig“ – MATHIAS WEISS (BASSIVE) im mica-Interview

2. Mai 2019

Unter dem Generalmotto „Mehr Bass braucht die Stadt!“ widmet sich der Salzburger Soundsystem-Aktivist MATHIAS WEISS aka DJ DIAZ mit Projekten wie „STEREOFREEZED“, „TUBEKLUB“ und „BASSIVE“ seit mehr als zwei Jahrzehnten der globalen Bass-Kultur und deren heimischen Versionen. Das reicht vom selbst gebastelten Soundsystem über Musikreihen bis hin zum Aufbau transnationaler Netzwerke. Im Vorfeld der für BASSIVE #12 geplanten „Soundsystem Konferenz“ am 31. Mai 2019 sprach sich Didi Neidhart mit MATHIAS WEISS über Dub, Soundsysteme als „Maschinenringe“ und die allgemeine Situation der Bass-Kultur in Salzburg.

Sie treten seit knapp 20 Jahren mit Projekten im In- und Ausland in Erscheinung, die sich alle mehr oder weniger der Soundsystem-Kultur verschrieben haben. Was ist darunter zu verstehen? Hierbei geht es doch immer auch um mehr als „nur“ Musik? Sie sagen ja selbst, ein „Soundsystem funktioniert wie ein basisdemokratischer Maschinenring“.

Mathias Weiss: Die Soundsystem-Kultur ist in ihrem Ursprung ein jamaikanisches Phänomen, welches sich aus den sozioökonomischen Bedingungen in der Zeit um die Unabhängigkeitswerdung von England 1962 als Kulturform etabliert und sich dann global ausbreitet hat.

Die Leute hatten einfach kein Geld, um sich ein Konzert anzusehen. So machte man aus der Not eine Tugend und fing an, immer größer werdende, selbst gebaute PA-Anlagen auf die Straßen zu stellen und bei Festen Rhythm ’n’ Blues und später Reggae zu spielen.

Damit wurde die „Mobil-Disco“ zur kulturellen Institution. Und da ja bekanntlich mit der Beschränkung des Raumes die Kreativität steigt, um diesen zu überwinden, entwickelten sich daraus sehr kreative Ausdrucksformen: Dub, Versions und die zentrale Rolle von Deejays und Toastern sind nur einige davon.

Die Rastafari-Heilserwartungsbewegung wurde dann als kollektiver Akteur dieser Zeit zusätzlich zu einem Motor, der der kreativen Entwicklung auch eine konkretere künstlerische Stoßrichtung und ein dann auch sehr gut vermarktbares Branding gab. Denn schon die frühen Dub-Pioniere wussten: „Rasta sells!“, und das tut es ja bis heute.

Mathias Weiss (c) WhyT.org

Das spannende Element hinter der kreativen Entwicklung ist aber meiner Meinung nach der Versuch, etwas anders zu machen und das hegemoniale Herrschaftssystem infrage zu stellen. Das gelingt mal schlechter und mal besser, ist aber bis heute ein Grundmotiv der Soundsystem-Bewegung, unabhängig von seinen mittlerweile auch sehr divergierenden musikalischen Ausprägungen. Obwohl bis heute die meisten Soundsysteme leider auch die vorherrschenden patriarchalen Herrschaftsstrukturen reproduzieren, sie also meist männliche Bosse oder Soundmen, Selectors, Operators und Deejays haben, unter denen ganz klare ökonomische und hierarchische Beziehungen herrschen, gibt es immer wieder Soundsysteme, die versuchen, die Dinge anderes anzulegen.

„Wenn man aber die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fragen würde, wem das Soundsystem gehört, würde niemand sagen: ‚Mir.‘ Das ist unser Alleinstellungsmerkmal […]“

Was ist das Spezielle an STEREOFREEZED? Was unterscheidet ein Soundsystem von einem herkömmlichen DJ-Set, wo ja unter Umständen auch live hinzugespielt werden kann oder es softwarebasierte Möglichkeiten gibt, in Echtzeit Tracks komplett neu zu mixen.

Mathias Weiss: Das „STEREOFREEZED Soundsystem“ ist einer dieser Versuche, Dinge anders zu machen. Uns gibt es als DJ-Crew also als „Sound“ circa seit dem Jahr 2000 und dezidiert als Soundsystem mit eigenen Boxen seit 2002.

Dabei war von Anfang an klar, dass alle Beteiligten dieselben Rechte und Pflichten haben und es bei uns keinen Platz für Homophobie, Rassismus und Sexismus gibt. Musikalisch sind wir sehr heterogen aufgestellt. Am Anfang liefen hauptsächlich Dub, Roots-Reggae, Ska, Rocksteady und früher Ragga Jungle. Über die Jahre kamen dann D & B, Tek, Breakcore, Dubstep und das ganze UK-Bass-Genre dazu. Wir sind wirklich schwer einzuordnen, somit lässt sich das Konzept STEREOFREEZED auch sehr schlecht vermarkten [lacht].

Da wir aber versuchen, alles so weit wie möglich basisdemokratisch zu entscheiden oder über eine Art episodenhafte Projektleiterstruktur abzuwickeln, ist es uns über die Jahre gelungen, dass verschiedene Gruppen innerhalb des Soundsystems verschiedene Projekte und Veranstaltungsformate gleichzeitig umsetzen.

Es gibt die „Tropical Bomb“ als UK-Bass-Format, das „RAWting!“ als reines Dub-Format, „BASSIVE“ als genreübergreifendes Soundsystem-Culture-Format und darüber hinaus diverse systemkritische Aktionen wie Squattings, Demowägen (zuletzt beim S20 Gipfel 2018), Soli-Partys etc.

Wir sind an die zehn aktive Teilnehmerinnen und Teilnehmer am „Sozialexperiment“ STEREOFREEZED, welches in seinem Umgang mit der Ressource „Soundsystem“ eben wie ein basisdemokratischer Maschinenring funktioniert. Ähnlich wie bei einer Allmende oder einem Common sind alle für die Technik und das Weiterkommen des Projekts zuständig. Wenn man aber die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fragen würde, wem das Soundsystem gehört, würde niemand sagen: „Mir.“ Das ist unser Alleinstellungsmerkmal, das Besondere. Und es ist wohl auch der Grund, warum wir kein eingetragener Verein sind. Aber es geht bei Soundsystemen ja nicht nur um den sozialen oder technischen Aspekt, sondern auch um einen physikalischen.

In Clubs stehen oft veraltete oder sehr bassschwache Anlagen, die vor allem Mitten und Höhen laut reproduzieren können, zu spüren ist aber meist wenig. In seiner musikalischen Wirkungsweise ist das Soundsystem also heutzutage eine zu oft vernachlässigte Komponente in der Reproduktionskette von elektronischer Musik, obwohl von jeher die tiefen Frequenzen einer der wichtigsten Bestandteile fast aller digitalen Genres sind.

Bassive (c) whyt.org

Es ist ja die Grundintention, dass man den Bass spüren will, und ohne die meterhohen Boxenwände geht das einfach nicht.

Leider wird es in Zeiten von selbst auferlegten und verordneten Lautstärkenlimits in Produktions- und Veranstaltungshäusern immer schwieriger, Veranstaltungsorte zu finden, wo entsprechende Pegel möglich sind. Darüber hinaus besteht der Unterschied zu einem normalen DJ-Set darin, dass eine Dub-Soundsystem-Session darauf spezialisiert ist, die Musik live zu dekonstruieren und neu zusammenzusetzen, ähnlich wie es in einem Tonstudio beim Dubbing passiert.

Darüber hinaus dient dabei das Soundsystem selbst als Instrument. Überspitzt formuliert heißt das, dass nicht nur die DJs an den Reglern drehen, sondern auch die Tonmenschen und die MCs. Dazu gibt’s noch eine ordentliche Portion Effekte obendrauf.

Über die so entstehenden neuen Versionen der originalen Songs wird dann mit Instrumenten live interpretiert und gejammt. Da man dabei manchmal bis zu drei oder vier Versionen desselben Songs hört, entsteht daraus eine sehr entschleunigte, aber energiereiche Atmosphäre.

„Viele musikalische Trends manifestieren sich immer öfter lediglich online und nicht mehr realweltlich.“

Sie bezeichnen sich selbst als Fan und Sammler der „Klänge der jamaikanischen Diaspora“. Wo finden sich die mittlerweile überall und wie wichtig sind dabei noch Städte wie zum Beispiel London und Berlin?

Mathias Weiss: Die jamaikanische Diaspora verweist auf eine Emigration von kulturellem Potenzial von Jamaika nach England und Amerika zu einer Zeit, in der Dub und die Soundsystem-Kultur auf der Insel sehr groß waren. Die Leute brachten ihre Kulturtechniken mit, als sie Jamaika nach der Unabhängigkeitswerdung von Großbritannien verließen und beeinflussten bzw. lösten damit viele musikalische Entwicklungen aus, welche zum Beispiel in Amerika, über block parties mit Soundsystemen, zur „Erfindung“ des Hip-Hop und in England zur Rave-Bewegung, ebenfalls getragen von Soundsystemen, geführt haben.

Diese wäre ohne den jamaikanischen Einfluss und die Kulturtechnik Soundsystem niemals möglich gewesen. Auch die Remix-Kultur, basierend auf der Erfindung der Dub-Versions, welche sogar die Pop-Musik nachhaltig geprägt hat, hat ihren Ursprung in der Soundsystem-Szene der 1960er- und 1970er-Jahre in Jamaika. Die Klänge der jamaikanischen Diaspora sind also Versatzstücke, die sich heute in allen basslastigen und tanzbaren Genres weltweit wiederfinden. Von Global Bass und Gqom bis hin zu den ganzen bereits erwähnten Sub- und Sub-Sub-Genres des Hardcore-Kontinuums, deren technische und ästhetische Wurzeln ganz klar als „jamaikanisch“ oder dubby identifizierbar sind.

Dabei spielen Städte zwar immer noch eine Rolle, aber weit weniger als es schon mal der Fall war. Die Einflussstärke von Städten wie London und Berlin auf die musikalische Entwicklung weicht sich aufgrund der fortschreitenden Glokalisierung der internationalen Musikszene bereits immens auf. Digitale Vermarktungs- und Rezeptionskanäle tun ein Übriges, um den Fokus nicht mehr so sehr auf Städte, sondern vermehrt auf Musikerinnen und Musiker, Labels und Kreativkonglomerate zu lenken. Viele musikalische Trends manifestieren sich immer öfter lediglich online und nicht mehr realweltlich.

Zwar hören alle „Early Adopters“ und Trendsetter ein neues Genre, kennen die Künstlerinnen und Künstler und gehen voll auf diese Klänge aus ihren Smartphones ab, nur gibt es dafür kaum noch Veranstaltungen respektive eine Clubkultur, in der sich diese musikalischen Strömungen dann auch jenseits digitaler Welten wiederfinden lassen. Erst dann, wenn eine gewisse Publikumsgröße respektive Reichweite erreicht ist, finden sich diese Neuentwicklungen in den Clubs wieder. Früher ging’s andersherum.

„Bei uns geht es nach dem DIY-Prinzip, denn wer kann, baut sich sein Instrument selbst.“

Was unterscheidet eigentlich Dub von Bass?

Mathias Weiss: Dub ist in seinen Wurzel klar dem Reggae zuzuordnen, Bass-Musik zwar auch, aber immer in einer zeitgenössischen Variation. Das erkennt man auf den ersten Blick nicht sofort. Nur wenn man weiß, wie das Original klingt, weiß man, wo man sich bedient hat. Bass-Musik ist vollgestopft mit Dub- und Reggae-Referenzen, klingt aber einfach nicht mehr danach.

Sie haben ja auch eine handwerkliche Ausbildung als Zimmermann. Wie wichtig sind solche Skills für das Entwerfen und Bauen eines eigenen Soundsystems?

Mathias Weiss: So etwas ist natürlich essenziell. Speziell, wenn man bedenkt, dass es gerade für den Bau der letzten Version des Soundsystems – wir haben mittlerweile ja schon mehrere Varianten gebaut – ein klares Designziel in Bezug auf Größe, Kompatibilität, Effizienz, Gewicht und Klang gab. Bei uns geht es nach dem DIY-Prinzip, denn wer kann, baut sich sein Instrument selbst.

Vor der Reihe „BASSIVE“ haben Sie in Salzburg schon mit dem „TUBEKLUB“ versucht, Stile und Genres zwischen Global Bass, dem sogenannten Hardcore-Kontinuum – also Jungle, Grime etc. aus England –, und Dub in die Mozartstadt zu bringen.

Mathias Weiss: Der „TUBEKLUB“ war ein Projekt, das ich gemeinsam mit Stefan Eder [aka. DJ Odd; Anm.] und Anna Grienberger mit der Intention gegründet habe, die oft engen Genregrenzen elektronischer Musik aufzubrechen und Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne zu geben, die aufgrund fehlender Zuordenbarkeit schwer Publikum fanden. Dazu gehörten unter anderem natürlich auch das Dub- und das Bass-Genre, aber auch Noise, Breakcore und diverse Spielarten des Hip-Hop. Dabei sollte, anders als bei vielen anderen Medienkunst-Formaten, die Tanzbarkeit der Performances und DJ-Sets in der Dramaturgie des Abends eine tragende Rolle spielen.

„Gerade im Bereich Dub- und Bass-Musik ist in Österreich einiges aufzuholen […]“

Wie würden Sie die elektronische Salzburger Szene beschreiben? Es gibt ja durchaus spannende DJ-Crews, Reihen, Locations, Aktivistinnen und Aktivisten sowie Releases.

Mathias Weiss: Die Salzburger Szene ist relativ überschaubar, aber qualitativ auf sehr hohem Niveau. Die Kulturschaffenden müssen halt, wenn sie sich endgültig für den Lebensentwurf Künstlerin bzw. Künstler entscheiden, früher oder später die Stadt verlassen. Zu überleben ist in Salzburg fast nicht möglich. Darum sind auch viele international bekannte Salzburger Artists wie zum Beispiel. Ogris Debris, die unter anderem auch schon den Salzburger Elektronikland-Preis gewonnen haben, jetzt in Wien wohnhaft. Und das liegt nicht nur am größeren Flughafen [lacht].

Trotzdem haben wir hier Crews, Veranstaltungsreihen und Labels, die schon seit Jahren wirklich stabil liefern: „Freakadelle/Heizkeller“, „Breakfast“, „Performing Sound“, „Cirque da la Nuit“, „Minerva Records“, „Club 101“, „Outside the Box“, „Club Analog“, „Hanuschplatzflow“ etc.

Da wir sehr viele verschiedene Genres in der Stadt haben, ist die Szene bunt, aber leider manchmal ein bisschen schlecht vernetzt.

Deshalb habe ich 2013 mit dem Festival Crews Connected im Volksgarten versucht, alle Aktiven der freien Szene in Salzburg an einem Platz zu versammeln. Seither kennen sich die Leute und manche Absprache funktioniert besser als vorher. Aber nicht nur in Salzburg ist Vernetzung der Schlüssel für eine starke Szene. Gerade im Bereich Dub- und Bass-Musik ist in Österreich einiges aufzuholen, da bisherige Versuche, die Szene zusammenzubringen, in Selbstvermarktungsevents für die musikalischen Projekte der Veranstalterinnen und Veranstalter mündeten.

Deshalb war es mir ein Anliegen, gemeinsam mit dem Seasplash Festival in Kroatien 2015 das  Projekt „ABM – Austrian Bass Music“, eine Art Kulturaustauschprogramm für die Dub- und Bass-Szene, ins Leben zu rufen, welches einerseits als Vernetzungstreffen und andererseits als Showcase-Projekt zu verstehen ist.

Dabei werden auf pre-parties in Österreich kroatische Artists präsentiert. Auf der anderen Seite bietet das Seasplash Festival eine Möglichkeit für österreichische Künstlerinnen und Künstler, sich mit der kroatischen, heimischen und internationalen Szene zu vernetzen und darüber hinaus auch noch vor einem entspannten Publikum aufzutreten. Diesmal ist erstmals mit Moby Stick auch eine Band dabei, sowie die Grazer Szeneaktivisten und Bass-Pioniere Alllone und die Crew um das Wiener/Salzburger „Danubian Dub Soundsystem“.

Mathias Weiss (c) whyt.org

Wie kam es vom „TUBEKLUB“ zur Reihe „BASSIVE“?

Mathias Weiss: Nach einer Babypause habe ich 2016 mit Sunil Narda das Projekt „BASSIVE“ mit dem klaren Fokus auf Soundsystem-Kultur gestartet. Da wir schon beim „TUBEKLUB“ regelmäßig Dub-Acts zu Gast hatten und auch international ab Mitte der 2000er-Jahre durch die geradezu fatale Entwicklung von Dubstep in der Dub-Szene musikalisch einiges Interessantes in Bewegung geraten war, war der Schritt in Richtung einer Soundsystem-Kultur-Reihe ein ganz klarer. Da sich aber, wie bereits angedeutet, die Soundsystem-Kultur nicht nur auf Dub beschränkt, sondern auch in anderen Genres gelebt wird, haben wir den Fokus der Programmierung um das Bass-Genre erweitert und veranstalten somit alternierend eine Dub- und eine Bass-Veranstaltung unter dem Namen „BASSIVE – Soundsystem Culture“. Das heißt, wir machen auch vor Trap, 160 Drum ‘n’ Bass, (Roots-)Reggae, (Post-)Dubstep, Future Bass, 2 Step, UK Garag, Wonky and Grime nicht halt.

Am 31. Mai 2019 gibt es bei „BASSIVE #12“ auch eine „Soundsystem Konferenz“. Was ist darunter zu verstehen und wie sind Sie auf solch eine Idee gekommen?

Mathias Weiss: Soundsystem-Konferenzen sind in der Dub-Szene nicht ungewöhnlich, meinen aber meist lediglich, das sich zwei Soundsysteme an einem Ort treffen. Das wird zwar bei uns auch so sein, zusätzlich werden wir aber versuchen, die Themen Soundsystem-Kultur, Dub und Rasta und Religion durch eine vorangehende Podiumsdiskussion auch auf eine diskursive Ebene zu heben.

Dabei war ausschlaggebend, dass durch die Dub-Szene eine Art unsichtbarer Graben geht, welchen ich als den Theismus-Graben bezeichnen möchte. Auf der einen Seite befinden sich die eher säkular, atheistisch bzw. agnostisch und meist links orientierten Kulturschaffenden, auf der anderen Seite finden sich gern sehr orthodoxe und in ihren Werten oft sehr reaktionäre Dub-Aktivistinnen und -Aktivisten. Viele davon sind der äußerst patriarchalen politisch-religiösen Rastafari-Bewegung zugehörig.

„[…] ein Geheimtipp mit großem Einzugsgebiet, aber kleinen Besucherzahlen.“

Können solche diskursiven Ansätze auch als Art Missionsarbeit verstanden werden bzw. glauben Sie, dass Sie bisher damit in Salzburg erfolgreich waren?

Mathias Weiss: Da wir damals auch eine der ersten Veranstaltungsreihen für digitale Musikkultur in Salzburg waren, die immer am Donnerstag stattfand und ein sehr heterogenes Programm hatten, waren wir nach acht Jahren monatlichen Veranstaltens bis Ende 2014 ein Geheimtipp mit großem Einzugsgebiet, aber kleinen Besucherzahlen.

Dieses Phänomen setzt sich in fast all unseren Nachfolgeprojekten wie zum Beispiel „BASSIVE – Soundsystem Culture“ bis heute fort und betrifft auch Kulturschaffende ähnlicher Metiers in Salzburg. Das hängt auch damit zusammen, dass es in Salzburg einerseits zwar mehr als genug solide subventionierte Kultstätten für diverse szenische Künste wie Theater, Performance, Tanz, bildende Kunst und Medien-Kunst gibt, andererseits jedoch Produktionshäuser, die den Willen und vor allem die entsprechende Glaubwürdigkeit haben, mit der Digitalmusik-, Soundsystem- oder Club-Musikszene zusammenzuarbeiten und diese zu entwickeln, aber seit geraumer Zeit fehlen.

Viele Salzburger Kulturproduzentinnen und -produzenten sind folglich auf schwindlige Vereinsstrukturen, sich selbst ausbeutende Arbeitsweisen und fast schon peinlich anmutende „Jugendkultur“-Förderungen oder halb legale Veranstaltungsformaten und Spielstätten angewiesen, nur um in der Stadt produzieren zu können.

Nicht zuletzt deswegen und weil wir in der Programmatik bei unseren Formaten gern der Zeit voraus sind, ist es umso dramatischer, dass es in der Stadt so schwierig ist, sowohl als Format als auch als Kulturschaffende wahrgenommen und adäquat gefördert zu werden.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Mathias Weiss: Eine Erklärung wäre, dass es in Salzburg bekanntlich auch gerne immer ein bisschen länger dauert, bis sich neue Einflüsse und szenebezogene Kulturarbeit in den Fördergeld verteilenden Institutionen inhaltlich und personell durchsetzen bzw. bis diese als relevant erkannt und gefördert werden.

Darüber hinaus fehlen auch die Produktionsorte sowie Akteurinnen und Akteure an den Hebeln, welche eine Kulturarbeit abseits der Kommodifizierung von Kreativität auf unbürokratische und niederschwellige Weise ermöglichen.

Mit Kulturmanagerinnen und -managern, die Programm aus dem Katalog machen, ist hier kein Blumentopf zu gewinnen. Wir brauchen lokalbezogene, szenebewusste und mutige Freiheitskämpferinnen und Freiheitskämpfer und keine Karrieristinnen und Karrieristen und Apparatschiks, die nur den eigenen Netzwerken und den Subventionsgeldern verpflichtet sind.

Dagegen hilft auch kein Kulturentwicklungsplan aus dem politischen Elfenbeinturm, sondern nur proaktive und gelebte Teilnahme am Kulturbiotop Salzburg.

„Salzburg generiert erhebliche kulturelle Push-Faktoren, welche das kreative Potenzial in andere Städte verschiebt bzw. abwandern lässt.“

Wie steht es um dieses Kulturbiotop Salzburg?

Mathias Weiss: Dieser Mangel an Commitment dem Kulturstandort und der lokalen Szene gegenüber hat gravierende Folgen. Salzburg generiert erhebliche kulturelle Push-Faktoren, welche das kreative Potenzial in andere Städte verschiebt bzw. abwandern lässt. Und das gilt nicht nur für die Digital-, Soundsystem- und Clubmusikszene.

So ist es für die Situation in Salzburg schon fast sinnbildlich, dass im Moment Soundsystem-Projekte, wie zum Beispiel das Münchner Projekt „Blurred Vision“ von Schlachthofbronx und Elemental Wave, die Feuilletons der großen Zeitungen und die Hallen füllen, die Stadt Berlin über Ostern mit dem „The Only Good System“ gerade ein mehrtägiges, international besetztes Soundsystem-Kultur-Festival aus der Taufe hebt, aber die ARGEkultur Salzburg fast zeitgleich die Kooperation mit uns für die Reihe „BASSIVE – Soundsystem Culture“ aufkündigt.

Wie man also hören kann, bin ich sehr besorgt darüber, in welche Richtung sich die Kulturlandschaft in den letzten Jahren entwickelt hat. Ich hoffe auf ein Umdenken in den Vorständen, Kulturabteilungen und Leitungsbüros.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Didi Neidhart

Termin:
31. Mai – ARGEkultur Salzburg
BASSIVE #12: „Soundsystem Konferenz“ – Mehr Bass braucht die Stadt!
mit Toroki & Isayah feat. PiyaZawa, Dub der Guten Hoffnung, STEREOFREEZED Soundsystem
Soundsystem-Talk: „Soundsystem als Handlungsrahmen – Dub zwischen Popkultur und synkretistischer Messe“
Mit Martin Engelbogen (Dub der guten Hoffnung), Niklas Malten (Toroki & Isayah), Mathias Weiss (STEREOFREEZED)
Key-Note: Didi Neidhart

Links:
Bassive (Facebook)
Stereofreezed Soundsystem (Facebook)
ABM – Austrian Bass Music 
Crews Connected

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